Diese Texte sind keine Anleitungen.
Sie sind Denkangebote für Menschen,
die Reiten nicht als Methode,
sondern als physikalisch-biologischen Prozess verstehen wollen.
Sobald man „nach einer Methode reitet“, übernimmt man zwangsläufig vorgefertigte Schablonen, feste Bilder und dogmatische Abläufe. Dann wird nicht mehr gefragt, ob etwas für dieses Pferd Sinn macht, sondern ob es zur Methode passt. Das Pferd wird dem System untergeordnet, nicht umgekehrt.
Reiten ist für mich kein Methodentraining, sondern Beobachten, Verstehen und Reagieren auf Bewegung, Balance und Energiefluss. Pferde sind keine gleichförmigen Objekte, sondern hoch individuelle Wesen mit völlig unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen, Vorerfahrungen, Verletzungsgeschichten und mentalen Zuständen. Genau das ist der Kern der Arbeit, wie sie Manuel Jorge de Oliveira lehrt: kein starres System, keine festgelegte Abfolge, sondern eine flexible, situationsabhängige Arbeit, die sich am jeweiligen Pferd orientiert. Man reagiert auf das, was dieses Pferd in diesem Moment braucht.
Und genau das macht diese Arbeit so anspruchsvoll und für viele Menschen auch so schwer greifbar. Denn was sich nicht klar einordnen, benennen oder in ein Schema pressen lässt, verunsichert. Es entzieht sich der schnellen Bewertung.
Methoden sind menschliche Klassifizierungen. Sie helfen beim Einordnen, beim Kommunizieren, beim groben Verstehen, aber sie ersetzen kein eigenes Denken. Problematisch wird es dann, wenn „XY sagt das so“ als Argument genügt, ohne zu prüfen, ob es biomechanisch sinnvoll, logisch nachvollziehbar oder für das individuelle Pferd überhaupt passend ist.
Eine Methode im eigentlichen Sinn ist ein festgelegtes System. Sie folgt klaren Regeln, Abfolgen und Vorgaben und soll unabhängig vom einzelnen Individuum immer gleich angewendet werden. Kurz gesagt: Wenn A, dann B, dann C – immer. Genau hier liegt der entscheidende Unterschied.
In der Reiterei passiert jedoch häufig etwas anderes: Sobald ein bestimmtes Vorgehen benannt wird, entsteht automatisch der Eindruck einer Methode. Begriffe wie „vertikal“, „klassisch“, „iberisch“ oder „FN“ wirken schnell wie feste Systeme, sind es aber zunächst gar nicht. Es sind sprachliche Abkürzungen, nichts weiter. Sie sagen lediglich: Ich beziehe mich auf diese Schule, diese Tradition oder diesen Menschen.
Im Fall von zb Manuel Jorge de Oliveira bedeutet „vertikal“ zunächst nur: Ich spreche über seine Arbeitsweise, seine Beobachtungen und seine Prinzipien. Nicht mehr und nicht weniger.
Der Denkfehler entsteht in dem Moment, in dem diese Benennung zur Schablone wird. Dann wird aus einer Beschreibung eine Vorschrift, aus Beobachtung ein Dogma und aus eigenständigem Denken bloßes Nachsprechen. Plötzlich heißt es: „Das ist vertikal, also MUSS man das so machen.“ Erst an diesem Punkt wird aus der Benennung tatsächlich eine Methode, aber nicht, weil sie ursprünglich so gedacht war, sondern weil Menschen sie dazu gemacht haben.
Ein klassisches Beispiel dafür sieht man immer wieder bei der rein optischen Bewertung einigen Sequenzen dieser Arbeit: In bestimmten Situationen, vor allem bei Pferden mit stark vorhandlastiger Vergangenheit, mit tief gerittenem Hals oder im Rehabilitationskontext, werden die Hände bewusst höher geführt, um zu verhindern, dass das Pferd permanent auf die Vorhand fällt. Das ist eine situative, funktionale Lösung für ein konkretes Problem eines konkreten Pferdes.
Viele Menschen, die das sehen, machen daraus jedoch sofort eine Schablone. Sie übertragen diese eine Situation auf alle anderen Pferde und erklären sie kurzerhand zur „Methode“. Genau das ist der Fehler. Denn diese Handhaltung ist kein Prinzip für jedes Pferd, sondern eine Anpassung an individuelle Voraussetzungen.
Und genau hier zeigt sich, wie schnell aus flexibler, denkender Arbeit ein dogmatisches Bild im Kopf des Betrachters wird. Nicht weil die Arbeit dogmatisch wäre, sondern weil unser Bedürfnis nach Einordnung oft größer ist als die Bereitschaft, wirklich hinzuschauen.
Nicht wer etwas sagt, ist entscheidend, sondern ob es Sinn ergibt. Und nicht, ob etwas zu einer Methode passt, sondern ob es dem Pferd dient.
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